Weihnachten vor 40 Jahren

Viele Omas und Opas erinnern sich noch gerne daran, wie sie früher als Kind das Weihnachtsfest erlebt haben. Alles war so geheimnisvoll, die Erwachsenen flüsterten oft miteinander oder fuhren ertappt hoch, wenn man sie dabei überraschte, wie sie sich im Schlafzimmerschrank an irgendetwas zu schaffen machten, das verdächtig knisterte. Am 1. Dezember fing meistens das Warten aufs Christkind an, denn es durfte das erste Türchen des Adventskalenders geöffnet werden. Und keine Schokolade auf der Welt schmeckte so gut, wie die als Kerze oder Engel geformten kleinen süßen braunen Stückchen, die man genussvoll auf der Zunge zerschmelzen ließ.

Außerdem war jetzt die Zeit, in der man hundert Mal am Tag gesagt bekam, dass man brav zu sein hatte, weil sonst der Nikolaus und das Christkind alles sehen würden und nur liebe Kinder ein Geschenk bekommen. Also war man brav, denn wer wollte schon auf Geschenke verzichten. Am 5. Dezember putzte man seine Stiefel mit Inbrunst und stellte sie vor die Türe, in der Hoffnung, dass der Nikolaus sie mit vielen Leckereien füllen und die kleinen Unartigkeiten, die einem immer mal wieder passierten, gnädig übersehen würde. Vor lauter Aufregung konnte man nicht schlafen und huschte, lange bevor es hell wurde, im Schlafanzug und mit nackten Füßen am Nikolaustag vor die Türe, um kurz darauf in jauchzenden Jubel auszubrechen, da der Nikolaus einen tatsächlich beschenkt hatte und man nun genüsslich die Süßigkeiten und kleinen Spielsachen bewundern konnte. Und das war nur der Vorgeschmack auf Heiligabend, denn an diesem besonderen Tag war alles ganz anders als sonst. Damit das Christkind einem wohl gesonnen war, übte man tagelang, immer wieder das gleiche Weihnachtsgedicht, damit man es fehlerfrei zur Bescherung aufsagen konnte.

Am Morgen des Heiligen Abends war die Spannung schon riesengroß und der Tag wurde viel zu lange bis zur abendlichen Bescherung. Alles im Hause roch nach Tannennadeln und frisch gestärkten Tischdecken. Alle Erwachsenen huschten geheimnisvoll durch die Wohnung und wenn es dann soweit war, wurde das Wohnzimmer zu einer Festung und man hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, durchs Schlüsselloch zu gucken, weil das Christkind dieses mit seinem goldenen Haar zugehängt hatte.

Doch dann kam der Moment, in dem das Christkind mit dem Glöckchen klingelte und man so schnell wie möglich ins Zimmer stürmte, um vielleicht noch einen Blick auf die goldenen Flügel zu erhaschen, mit denen das Christkind aus dem Fenster in den sternenklaren Himmel flog. Und dann stand man vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum, an dem die kleinen Kerzen flackerten und ihr Licht sich im silbernen und goldenen Lametta spiegelte. Doch bevor man die vielen Geschenke, die unter dem Baum verteilt lagen, auspacken konnte, musste man erst sein Gedicht aufsagen. Es klappte nicht immer ganz fehlerfrei, doch die Erwachsenen waren alle so feierlich und glücklich, dass sie darüber hinweg sahen. Und endlich konnte man sich auf die Geschenke stürzen, während die Erwachsenen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sangen und man hatte das Gefühl, dass dieser Tag niemals vorbei gehen sollte.

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